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Der Pseudokonsens über die Veränderung von Schule

Foto: Pascal Fieseler, Agentur J&K

Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

„21st Century Skills“, „#zeitgemäßeBildung“, „Zukunftskompetenzen“, „Lernen neu denken“, „neue Lernkultur“, „New Learning“, „digitale Bildung“, „selbstbestimmtes Lernen“ … In den Debatten über Veränderungen von Lernen und Schule fehlt es nicht an großen Leitbegriffen. Das ist hilfreich, denn über solche Begriffe finden sich Gleichgesinnte zusammen, die an Veränderungen interessiert sind und dafür arbeiten wollen. Das Problem: Der Konsens, den solche Begriffe erzeugen, ist trügerisch. Dabei braucht es dringend gemeinsame Leitbilder als Nordsterne, an denen wir unser Handeln inmitten des stürmischen Wandels orientieren können.

Pseudokonsens

Hinter vielen der genannten Stichworte stehen fundierte Konzepte. Allerdings oft eher  nur die Schlagworte, die als inhaltliche Klammer fungieren, wenn wir Tagungen besuchen, Bücher kaufen oder uns Initiativen anschließen. Auf diesem Wege finden wir Orientierung und Gleichgesinnte. Und das sogar auf konstruktive Weise: Denn wir meckern nicht nur, sondern teilen eine gemeinsame Zielvorstellung.

Ein solcher Konsens kann eine ganze Weile tragen, bisweilen über viele Jahre, über geographische und andere Grenzen hinweg – allerdings häufig nur an der Oberfläche. Viele große Schlagworte erzeugen Pseudo-Konsens. Zugespitzt: Je allgemeiner das Schlagwort, desto breiter die Zustimmung, desto größer erst die Täuschung und später die Enttäuschung.

Ein Beispiel: Es gibt Menschen, die mit dem Schlagwort „#zeitgemäßeBildung“ einen emanzipatorischen Ansatz verbinden, bis hin zu gesellschaftlichen Veränderungen und kulturellen Transformationen. Andernorts wird „#zeitgemäßeBildung“ als Etikett für eine Schule genutzt, in der besonders viel digitale Technik zum Einsatz kommt.

Ein zweites Beispiel: Mit der Forderung, wir mögen „Schule neu denken“, verbinden wir den gemeinsamen Ausgangspunkt, dass wir die „Schule wie bisher“ ändern wollen. Aber während die einen mit dem Schlagwort mehr Berufsqualifizierung verbinden, wollen andere über die Aufhebung der Schulpflicht diskutieren.

Wer will das Gegenteil?

Besonders verbreitet war in den letzten Jahrzehnten die Formulierung „… für das 21. Jahrhundert“. Sie  leuchtet ja auch sofort ein. Wer würde schon dagegen argumentieren?

Die Frage „Gibt es jemanden, der das Gegenteil fordert?“ ist ein guter Prüfstein dafür, wie anfällig  ein Schlagwort für Pseudokonsens ist. Kann man die Zielsetzung umdrehen? Kann man wirklich darüber streiten? Oder macht das Gegenteil gar keinen Sinn? Fordert jemand „unzeitgemäße Bildung“?  Sollten wir uns stärker an „Kompetenzen für das vergangene Jahrhundert“ orientieren? 

Pseudokonsense über die Veränderung von Schule gedeihen besonders gut, wenn ein Leitbegriff nur die Ablehnung des Bisherigen definiert. Denn es besteht schnell Einigkeit darüber, dass man es anders als bisher möchte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt trägt diese Einigkeit aber nicht weiter. Denn dann braucht es einen Konsens darüber, wie denn das Neue konkret ausgestaltet werden soll. Wie setzen wir „für das 21. Jahrhundert“ um; wie buchstabieren wir „zeitgemäß“ aus; und was genau tritt beim „neuen Lernen“ an die Stelle des alten?

Konstruktive Nordsterne

Woher kommen diese Debatten? Vieles in unserem Leben, unserer Gesellschaft ist im Umbruch. Ein typisches Phänomen solcher Umbrüche: Das Alte funktioniert nicht mehr richtig; 
und das Neue ist noch nicht wirklich da. Deswegen ist es einfach, einen Konsens über Abgrenzung zum Alten herzustellen; und es ist schwierig, eine Verständigung über die Ausgestaltung des Neuen zu finden. Gleichzeitig brauchen wir Orientierungspunkte, quasi Nordsterne, um den Wandel nicht nur zu erleiden, sondern gestalten zu können. 

Menschen und Schulen, die sich über ihre Grundlagen und ihre Ziele verständigen, können besser durch den Wandel navigieren und ihr eigenes Arbeiten sinnvoll gestalten. Besonders vielversprechend sind dafür Leitbegriffe, die sich nicht nur vom Alten abgrenzen, sondern konstruktiv und produktiv Ziele formulieren, denen man durchaus widersprechen kann.

Der Wandel ist einfacher für Schulen, die solche Nordsterne haben, an denen sie sich auch dann orientieren können, wenn der Boden sich verschiebt und die Umwelt unsicher ist. Das sind Schulen, die sich zum Beispiel an einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), einem „Leitbild einer guten Schule“ (Schulverbund Blick über den Zaun) oder anderen Profilen ausrichten können. Auch an diesen Schulen wird viel gestritten – möglicherweise sogar überdurchschnittlich viel. Aber es ist eine fortgeschrittene Diskussion, die sich um die konkrete Ausgestaltung des Neuen dreht.


Dieser Artikel erschien erstmals:
Muuß-Merholz, J. (2021). Der Pseudokonsens über die Veränderung von Schule. Pädagogik (10), S. 64.

 

CC-BY_iconDieser Text von Jöran Muuß-Merholz steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. (Diese Lizenz gilt ab 1 Jahr nach der Veröffentlichung in der PÄDAGOGIK.)