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Die größte Herausforderung für alle Schulen

Foto: Pascal Fieseler, Agentur J&K

Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

„Welche ist die größte Herausforderung, die in Ihrer Schulentwicklung derzeit ansteht?“ Das frage ich gerne, wenn ich für Vorträge in Schulen zu Gast bin. Die Antworten sind vielfältig, und es gibt Konjunkturen. Vor ein paar Jahren dominierten die Schlagworte Inklusion, Individualisierung und Binnendifferenzierung, ab 2015 verstärkt mit der Aufgabe, Schüler*innen mit Fluchterfahrungen zu unterstützen. An vielen Orten geht es um die inneren Umbauten, die aus äußeren Vorgaben folgen, beispielsweise nach Umstellungen im Schulsystem. In den letzten Jahren werden zunehmend gesellschaftliche Themen genannt: Klimakrise, Fake News, Rechtsruck oder auch Qualifizierung für eine sich ändernde Arbeitswelt. An manchen Schulen stehen große selbstgestellte Baustellen im Vordergrund, z.B. eine Etablierung von Teamwork, jahrgangsübergreifendes Lernen oder Schulcurricula mitsamt eigener Unterrichtsmaterialien.

Corona nicht nur als Schub für Digitalisierung

An der Digitalisierung scheideten sich über die Jahre die Gemüter. Das Thema wurde häufig als wichtige, aber nicht unbedingt dringende Aufgabe eingeordnet. Dann kam die Corona-Krise. An vielen Schulen standen Digitalisierungsthemen plötzlich ganz oben auf der Agenda.

Nicht überall waren damit tatsächliche Schulentwicklungsprozesse verbunden. Aber an manchen Orten ging es nicht nur um technische Umstellungen, sondern um eine Förderung des selbständigen Lernens und des Lernens anhand eigener Interessen, die wirklich individuelle Unterstützung der Schülerinnen und Schüler oder um die grundlegende Veränderung der Prüfungen.

An diesen Orten war die Krise nur vordergründig ein Schub für die Digitalisierung. Corona war ein Schub für das eigene Lernen im Kollegium. „Was Lehrkräfte in einem Jahr Corona gelernt haben, das hätten sie ansonsten in 20 Jahren nicht gelernt“, jubelte Andreas Schleicher.

Wer lernen kann, ist klar im Vorteil

Im Vorteil angesichts der Umstellungen waren diejenigen, die schnell und selbständig lernen konnten. Das gilt auf der individuellen Ebene und erklärt, warum manche Lehrer*innen eine rasante Lernkurve zeigten, während andere sich schlecht anpassen konnten. Und es gilt auch auf der kollektiven Ebene von Kollegien, in denen mancherorts die größten Schulentwicklungen angestoßen wurden, während andernorts nur auf die Rückkehr zur vertrauten Normalität gewartet wurde.

Im Hinblick auf Schüler*innen betonen wir gerne, wie wichtig es ist, auch nach Ende der Schulzeit weiter lernen zu können, individuell und gemeinsam, kritisch und kreativ, selbstorganisiert, lebens- bzw. Job-begleitend. Dasselbe gilt auch für Schulen und die Menschen, die dort arbeiten. Wer lernen kann, ist klar im Vorteil!

Die Herausforderungen, vor denen Schulen heute und in Zukunft stehen, sind vielfältig. Es ist nicht zu erwarten, dass sie vor allem durch Akteure von außerhalb der Schulen gelöst werden, etwa indem flächendeckende Fortbildungen in Landesinstituten entwickelt und ausgerollt werden. Entscheidend ist, dass die Schulen und die Menschen, die in und mit ihnen arbeiten, ihr Lernen selbst in die Hand nehmen! Vor diesem Hintergrund kann man sagen: Die großen Herausforderungen für die Schulen sind nicht überall gleich. Aber alle Schulen stehen vor der fundamentalen Aufgabe, dass sie zu lernenden Organisationen werden müssen, wenn sie ihre Herausforderungen annehmen und ihre Entwicklung selbst gestalten wollen.

Profis für das Lernen

Neulich sagte eine didaktische Leiterin zur Begrüßung eines Pädagogischen Tags, zu dem ich zu Gast war, zu ihrem Kollegium: „Wir haben uns hier an der Schule noch nie mit unserem eigenen Lernen beschäftigt.“ Was für ein Satz! Nicht weil er so außergewöhnlich ist, sondern weil er vermutlich an vielen Orten zutrifft – und gleichzeitig eigentlich einen Skandal beschreibt.

In Schulen arbeiten Profis für das Lernen. Aber ein Selbstverständnis, dass sie auch für ihr eigenes Lernen zuständig sind, nicht nur in Seminaren im Landesinstitut, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern in strukturierten gemeinsamen Prozessen – das ist noch nicht überall angekommen.

Das ist kein Freibrief an Schulpolitik und -träger. Die Schulen brauchen Freiräume, Ressourcen und Unterstützung. Das Lernen von Schulen darf sich nicht in der Bearbeitung akuter Baustellen erschöpfen, sondern muss mittelfristig zum Empowerment der Schulpraxis beitragen. Die Akteure in den Schulen müssen Profis auch für das eigene Lernen werden!


Dieser Artikel erschien erstmals:
Muuß-Merholz, J. (2022). Die größte Herausforderung für alle Schulen. Pädagogik (1), S. 68.

 

CC-BY_iconDieser Text von Jöran Muuß-Merholz steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. (Diese Lizenz gilt ab 1 Jahr nach der Veröffentlichung in der PÄDAGOGIK.)