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Eine Kultur des Teilens braucht ein Handwerk des Teilens

Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

Foto: Pascal Fieseler, Agentur J&K

In den letzten Jahren ist immer häufiger die Rede von einer „Kultur des Teilens“. Das klingt erst einmal vielversprechend. Nicht zuletzt durch die digitale Vernetzung haben wir großartige Möglichkeiten dafür. In der digitalen Welt ist es ja so wie bei Ideen – und ganz anders als bei Kuchen. Wenn ich einen Kuchen mit anderen teile, bleibt weniger für mich. Aber wenn ich Ideen, Konzepte oder digitale Materialien teile, habe ich dadurch kein bisschen weniger. Ich kann sogar davon profitieren, dass andere meine Arbeiten weiterentwickeln.

Ein Handwerk des Teilens

Eine Kultur des Teilens – das lässt sich allerdings nicht einfach so von oben anordnen oder innerhalb eines Teams einschalten. Eine Kultur des Teilens – das muss man erfahren, erleben und erproben.

Und: Für eine Kultur des Teilens braucht es auch ein Handwerk des Teilens. Denn die viel beschworene „Haltung“ mag eine hilfreiche Voraussetzung sein. Aber sie alleine reicht nicht aus, wenn Zusammenarbeit nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht sein soll.

Teilen – das bedeutet im professionellen Kontext: Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, also das fruchtbare Spannungsfeld zwischen gemeinsamer und individueller Arbeit, zwischen Nehmen und Geben. Unser Know-How für Zusammenarbeit ist noch stark ausbaufähig. Während man problemlos Dutzende von Ratgebern zum produktiven, kreativen, effizienten oder stressfreien Arbeiten findet, so haben sie doch fast alle eine Gemeinsamkeit: Sie sehen in Zusammenarbeit die Ausnahme von der Regel – und die Regel heißt „alleine arbeiten“. Häufig wird Zusammenarbeit eher als Störungsquell für das „eigentliche“ Arbeiten gesehen. Selbst wenn Zusammenarbeit in vielen beruflichen Feldern längst die Regel ist, mangelt es uns an Reflexion, Ratgebern und Know-How für das Zusammenarbeiten als Handwerk.

Revolutionäre KMK-Papiere

In die Schule hat Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter über Umwege Einzug gehalten: Vor der Zusammenarbeit der Lehrkräfte stand die Zusammenarbeit zwischen den Lernenden. 2016 veröffentlichte die Kultusministerkonferenz die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“. Sie schreibt einen „verbindlichen Kompetenzrahmen“ für alle Schulen vor , inklusive eines Kompetenzbereichs mit der Überschrift „Kommunizieren und Kooperieren“ – für die Schülerinnen und Schülern, wohlgemerkt.

Ende 2021 legte die KMK dann das Papier „Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ mit Anforderungen an die Lehrkräfte und die Schulentwicklung nach. Darin ist nicht weniger als 15-mal von „Zusammenarbeit“ und 14-mal von „Kollaboration“ die Rede. Außerdem wird eine „Kultur des Teilens“ explizit als Teil pädagogischer Professionalität definiert.

Das ist revolutionär (so wie dieses Papier übrigens auch an anderen Stellen bisher drastisch unter-wahrgenommen ist). Wie groß die Kluft zum Alltag in vielen Schulen noch ist, sieht man alleine daran, dass dort standardmäßig weder Zeiten noch Räume für ernsthafte Zusammenarbeit vorgesehen sind. Das heißt nicht, dass es in Schulen keine Zusammenarbeit gibt. Es gibt sie trotz und teilweise gegen das System.

Herausforderung und Investition

Die Anforderungen an das System Schule und die dort arbeitenden Profis sind zu umfassend, zu anspruchsvoll, zu komplex, als dass sie ohne eine deutliche Verschiebung in Sachen Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zu bewältigen wären. Dafür braucht es eine Kultur des Teilens genauso wie ein Handwerk des Teilens.

Das ist eine besondere Herausforderung in Zeiten des Lehrkräftemangels, wo angesichts der allgemein grassierenden Allergie gegen Unterrichtsausfall alles andere hintenangestellt zu werden droht. Dabei können eine Kultur des Teilens und ein professionelles Handwerk des Teilens dazu beitragen, mit dem Mangel weniger schlecht klarzukommen. Wir müssen den Aufwand, der für eine Professionalisierung von Zusammenarbeit und Arbeitsteilung notwendig ist, als Investition verstehen, mit der wir unseren Ressourcen in der Schule besser nutzen können.


Dieser Artikel erschien erstmals:
Muuß-Merholz, J. (2022). Eine Kultur des Teilens braucht ein Handwerk des Teilens. Pädagogik (11), S. 64
CC-BY_iconDieser Text von Jöran Muuß-Merholz steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. (Diese Lizenz gilt ab 1 Jahr nach der Veröffentlichung in der PÄDAGOGIK.)