Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

Als Pippi Langstrumpf eines Tages in die Villa Kunterbunt einzieht, sorgt sie für Unruhe in der beschaulichen Kleinstadt. Pippi verfügt nicht nur über übermenschliche Kräfte und erhebliche finanzielle Mittel. Vor allem macht sie die Dinge anders, als sie bisher gemacht wurden.
Aussagen wie „Das macht man so nicht!“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht!“ scheinen für Pippi nicht zu gelten. Sie bricht mit geltenden Regeln und Normen, verhält sich unangepasst, erprobt neue Wege und unkonventionelle Lösungen. Pippi steht für Lebensfreude, Kreativität und Buntheit, auch für Chaos, Rebellion und Anarchie.
Unvermeidlich gerät Pippi in Konflikt mit ihrer Umwelt, insbesondere mit Autoritäten. Das stört Pippi allerdings nicht besonders, was sie sich dank der Macht ihrer enormen Kraft und ihrer unerschöpflichen finanziellen Möglichkeiten auch leisten kann. Pippi macht sich die Welt, widdewidde, wie sie ihr gefällt. Pippi Langstrumpf stellt Selbstverständlichkeiten in Frage, die bis zu ihrem Erscheinen gar nicht hinterfragt wurden.
Der Pippi-Langstrumpf-Effekt der Digitalisierung
Die Digitalisierung ist wie Pippi Langstrumpf. Sie stand eines Tages vor der Tür, häufig sogar mitten im Haus, ungefragt, rotzfrech und alles in Frage stellend. Sie ignoriert, was „man“ bisher schon immer so oder auch auf keinen Fall gemacht hat. Sie macht die Dinge anders – und erstaunlich oft funktionieren diese Dinge dann auch ganz anders.
Dieser Pippi-Langstrumpf-Effekt der Digitalisierung lässt sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Er gilt auch und insbesondere in der Bildung, wo wir ohnehin einen starken Hang dazu haben, auf bewährte Wege, starke Normen und klare Strukturen zu setzen.
Die KI stellt existentielle Fragen
Künstliche Intelligenz verstärkt die beschriebenen Entwicklungen noch einmal. Mit dem Eindringen von KI in die Bildung erleben wir einen Pippi-Langstrumpf-Effekt der Künstlichen Intelligenz. Wir hatten noch nicht einmal die vorherigen Stufen der digitalen Transformation verstanden – schon geht es ungefragt ins nächste Level. KI ist wie eine freche Göre, die uns vor Fragen stellt, die ans Eingemachte gehen:
- „Wieso muss ich etwas lernen, was Maschinen besser können?“
- „Weshalb müssen wir uns zum Lernen alle zu vorgegebenen Zeiten an vorgegebenen Orten treffen?“
- „Warum ist die menschliche Lehrkraft wichtig?“
- „Wie verändern sich die Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen? Gibt es eine neue Kulturtechnik?“
- „Welche Bildungsziele und Lerninhalte braucht es für ein gutes Leben? Was braucht ‘die Wirtschaft’?“
- „Welche Formen des Lernens und Lehrens sind zukunftsgerecht?“
- „Wie gestalten wir Prüfungen?“
- …
Die digitale Transformation geht spätestens mit dem praktischen Nutzen der Künstlichen Intelligenz ans Eingemachte. Es geht für die Bildung um existentielle Fragen im Sinne von Themen, die die Grundlagen, die Ziele und das Wesen unserer Arbeit betreffen. „Digitale Themen“ lassen sich mehr als Spezialthema, als „Add-on“ in gesonderten Kreisen bearbeiten, sondern betreffen alle.
Alte Fragen neu gestellt
Die oben aufgelisteten Fragen sind nicht wirklich neu. Wenn man sie noch einmal durchliest, kann man sich vorstellen: Diese Fragen haben wir uns gesellschaftlich vor Jahrhunderten schon einmal gestellt, als wir Schule, wie wir sie heute kennen, erfunden haben. Es geht um das Selbstverständnis der Institution Schule, um die Identität ihrer Mitglieder, um den Sinn ihrer Existenz.
Wir haben Schule für Stabilität erfunden. In Schule sollte das an die nächste Generation weitergegeben werden, was sich bisher bewährt hatte. Das funktioniert so nicht mehr. Schule in einer Welt im Wandel ist selbst im ständigen Wandel. Digitalisierung und KI stellen dabei existentielle Fragen. Das ist anstrengend. Und es bietet eine historische Chance, Schule grundlegend neu zu denken.
Den Vergleich von Pippi Langstrumpf und Digitalisierung habe ich von Dr. Sandra Schön abgeguckt. Sie ist Expertin für Innovation im technologiegestützten Lernen und eine herausragende Vordenkerin der Digitalisierung im Bildungsbereich.
Muuß-Merholz, J. (2023). Was Pippi Langstrumpf mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Pädagogik (9), S. 64.
