
Jöran Muuß-Merholz hat für die PÄDAGOGIK die 4K-Skills grundsätzlich und konkret beschrieben.
Die „4Ks“ umfassen vier Fähigkeiten, die mit dem Buchstaben K beginnen: Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration. So weit, so einfach. Aber über jede Konkretisierung darüber hinaus existiert – vor allem in der deutschsprachigen Debatte – wenig Einigkeit. Vielmehr findet man zur Ausgestaltung der vier Fähigkeiten sowie zu ihrer Einbettung in einen größeren Rahmen ein buntes Mosaik an Konzepten, Interpretationen und Meinungen. Nichtsdestotrotz inspirieren die 4Ks sowohl in theoretischen Diskussionen als auch in der Praxis das WIE und das WAS des schulischen Lernens.
Ursprung und Entstehungsgeschichte
Die Geschichtsschreibung der 4Ks verortet den Ursprung auf die USA im Jahr 2002. Unter dem Dach einer damals sogenannten „Partnership for 21st Century Skills (P21)“ entwarfen fachliche Experten, politische Entscheider sowie Vertreter*innen aus Gewerkschaft, Bildungsministerium und zahlreichen Unternehmen (insbesondere den damals führenden Tech-Unternehmen wie AOL, Apple, Microsoft und SAP) einen konzeptionellen Rahmen: das „Framework for 21st Century Learning“.
Damals und in den Folgejahren waren die 4Ks häufig Teil einer Debatte über das Lernen im 21. Jahrhundert, wahlweise als „21st century skills“, „21st century education“, „21st century learning“ oder ähnlich überschrieben. Das P21-Framework umfasst mehrere Bausteine (siehe Abbildung 1), die zu einem Lernen beitragen sollen, das angesichts der Anforderungen des 21. Jahrhunderts Erfolg im Beruf, im Leben und als Bürger ermöglicht.

Die 4Ks finden sich (im Original als 4Cs) dabei in einem Bereich, der mit „Learning and Innovation Skills“ überschrieben ist und vier Unterpunkte enthält:
- Creativity and Innovation
- Critical Thinking and Problem Solving
- Communication
- Collaboration
P21 hat in den Folgejahren Forschung und Publikationen unterstützt, die sich sowohl jedem Einzelnen der 4Ks als auch der Einbettung in einen größeren Kontext und der Etablierung in der Praxis bis hin zu fachspezifischen Anwendungen widmen. Diese Publikationen wurden vor allem im Hinblick auf das US-amerikanische Bildungswesen ausgearbeitet und für den deutschen Sprachraum zunächst wenig beachtet, geschweige denn übersetzt.
Verlustreicher Transfer ins Deutsche
Für die vier Learning and Innovation Skills hat sich das Schlagwort „4Cs“ und im Deutschen „4Ks“ etabliert. Diese Verkürzung hatte Folgen: Prägnante Schlagworte und einfache Grafiken haben die Verbreitung befördert. Gleichzeitig blieb spätestens beim Transfer in den deutschsprachigen Raum ein Großteil der Inhalte auf der Strecke. Dazu gehören zu Beginn der Verlust der anwendungsorientierten Perspektive „Innovation“ im Zusammenhang mit „Kreativität“ und das „Problemlösen“ beim „kritischen Denken“.
Es ist vermutlich dieser Vereinfachung und dem Ausbleiben nennenswerter deutschsprachiger Veröffentlichungen zuzuschreiben, dass sowohl die konzeptionelle Einbettung in einen größeren Rahmen als auch die Ausgestaltungen der einzelnen Skills, die im amerikanischen Ursprung durchaus vorhanden sind, in Deutschland nur von einem Bruchteil derjenigen rezipiert wurden, die das Schlagwort der 4Ks in die Breite trugen. Es gibt sehr wohl positive Ausnahmen wie die Veröffentlichungen aus der Schweiz von Sterel/Pfiffner/Caduff (2018) sowie Pfiffner/Sterel/Hassler (2021).
Dass die 4Ks dennoch ein Thema sind, ist dem Umstand zu verdanken, dass OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher dem Konzept einen gewissen Stellenwert in seiner Arbeit einräumt. Allerdings blieb auch hier eine zentrale Veröffentlichung aus. Die Publikationen „Die vier Dimensionen der Bildung“ (mehr dazu unten) entstand zwar im Umfeld der OECD und mit einem ausführlichen Vorwort von Andreas Schleicher, allerdings werden die 4Ks beispielsweise im „Lernkompass 2030“, einer der zentralen aktuellen OECD-Veröffentlichungen zum Themenbereich, gar nicht berücksichtigt und sind auch sonst nicht Hauptgegenstand einer OECD-Publikation.
4Ks, 5Ks oder 6Ks?
Vor dem beschriebenen Hintergrund haben sich das Verständnis und die Verbreitung der 4Ks eher ungeordnet und divergierend entwickelt. Ein Symptom davon: Es existieren zahlreiche Erweiterungen um weitere Komponenten. Beispielsweise ergänzte Michael Fullan im Rahmen seiner „New Pedagogies for Deep Learning Initiative“ die 4Cs zu 6Cs. Zu den vier bekannten Cs treten bei ihm „Citizenship“ and „Character Development“ hinzu. Im deutschsprachigen Raum warb insbesondere die Vordenkerin Lisa Rosa in mehreren Blogbeiträgen nicht nur für ein elaboriertes Verständnis der 4Ks, sondern auch für die Relevanz von „Komplexität“ als fünftes K.
Neben den fundierten Überlegungen von Fullan, Rosa und anderen stehen ungezählte Diskussionsbeiträge, die eher an den Schlagworten als an vorhandenen Rahmenkonzepten und Ausdifferenzierungen ansetzen.
Hilfreich für das Verständnis der 4Ks ist der Blick in zwei entgegengesetzte, sich ergänzende Richtungen: Zum einen braucht es Tiefenbohrungen in jedes einzelne K, um auszubuchstabieren, was jeweils genau gemeint ist. Zum anderen ist die Einbettung in den größeren Kontext notwendig. Letzteres zuerst:
Vier Dimensionen als Beispiel für einen größeren Kontext
Charles Fadel, Maya Bialik und Bernie Trilling veröffentlichten 2015 ein Buch, das 2017 auch in deutscher Übersetzung erschien: „Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen.“ Damit legten sie ein umfassendes Rahmenkonzept für Bildungsziele und Lerninhalte vor, in denen die 4Ks eingebettet und verortet sind. Unterschieden werden die Dimensionen
- Wissen (was Lernende kennen und verstehen)
- Skills (wie sie ihr Wissen anwenden)
- Charakter (wie sie sich in der Welt verhalten)
- Meta-Lernen (wie sie sich selbst reflektieren und anpassen können, indem sie kontinuierlich weiter lernen und auf ihre Ziele hinarbeiten)
Die zweite Dimension „Skills“ umfasst die 4Ks. Die Autor*innen betonen, dass sie zwischen den Dimensionen Wissen und Skills keine Dichotomie sehen, sondern im Gegenteil beide Dimensionen gemeinsam gedacht werden müssten. Dadurch solle insbesondere die Transferleistung verbessert werden: „Alle Skills sollten durch und mit dem Lernen von Wissensinhalten erworben werden“ (S. 128).
Nach ihrer Analyse und Synthese verschiedener Systematiken entsprechender Skills und mit explizitem Rückbezug auf die P21-Arbeiten halten sie den Fokus auf die 4Ks für eine notwendige Vereinfachung; im Buch werden die 4K-Skills einzeln vorgestellt und ihre Relevanz unter Bezug auf Forschungsarbeiten aus den Lern- und Bildungswissenschaften begründet.
Die vier Dimensionen von Lernzielen sind nicht einfach additiv zu begreifen, im banalsten Fall etwa „für jeden Unterbereich ein neues Fach“. Die pädagogische Kunst besteht darin, Lernziele wie Kreativität, kritisches Denken und Zusammenarbeit sowie Lernziele aus anderen Dimensionen miteinander zu verweben, quasi einen Zopf der unterschiedlichen Dimensionen zu flechten (vgl. Abbildung 2).
Zu dieser These wird man recht leicht Zustimmung ernten. Gute Pädagog*innen werden reflektieren, dass sie die Verwebung und Verflechtung intuitiv in ihrer jeweiligen Praxis betreiben. Gleichzeitig gilt: Wir wissen auf konzeptioneller Ebene erstaunlich wenig darüber. Die vorhandenen Ansätze – auch bei Fadel/Bialik/Trilling (S. 77 ff.) – beschränken sich auf die Zuordnung von Schnittstellen, z. B. von einem bestimmten fachlichen Thema zu einem weiteren überfachlichen Lernziel. Es fehlt an Reflexion oder gar einem konkreten Konzept für die Beschaffenheit eines komplex geflochtenen Zopfes.

Nachdem oben eine mögliche Einbettung der 4Ks in ein Rahmenkonzept angerissen wurde, komme ich nun zu Tiefenbohrungen in die einzelnen Ks. Gerade weil die konzeptionellen Grundlagen der 4Ks pessimistisch als dürftig und optimistisch als vielfältig betrachtet werden können, gibt es keine vorherrschende Grundlage für ein gemeinsames Verständnis. Im Gegenteil existieren verschiedenste Interpretationen. Um die Bandbreite deutlich zu machen, werden zwei ganz unterschiedliche Interpretationen vorgestellt: eine fein ausdifferenzierte Operationalisierung des kalifornischen Universitäts-Start-ups „Minerva“ und zuvor eine eher feuilletonistische Betrachtungsweise von mir.
Die 4Ks angewandt auf Denken, Lernen und Arbeiten
Die folgenden Darstellungen schildern ein basales, vielleicht auch banales Verständnis der 4Ks. Ausgehend von einem ➀ Alltagsverständnis werden Blicke auf die 4Ks als Schlagwörter für das ➁ Denken, ➂ Lernen und ➃ Arbeiten geworfen.
➀ Alltagsverständnisse und Missverständnisse: Die breite Anschlussfähigkeit der 4Ks wurde sicher dadurch begünstigt, dass sich die meisten Menschen schnell etwas unter diesen Begriffen vorstellen können. Bei „Kreativität“ denken Menschen an bahnbrechende Erfindungen, wegweisende Entdeckungen oder brillante Kunst. Termini wie „Kreativität“ und „Innovation“ werden mit Genialität und außerordentlicher Intelligenz in Verbindung gebracht. Wir assoziieren damit Gedanken, die noch nie zuvor jemand gedacht hat. Ideen, die die Welt noch nicht gekannt hat.
Wenn Menschen „Kritisches Denken“ hören, verbinden sie den Begriff im Alltag mit „Kritik üben“, „etwas problematisieren“ oder einfach nur „Dinge nicht gut finden“. Man denkt, es gehe darum, nicht mit dem Strom zu schwimmen und eine starke eigene Meinung zu besitzen. Beim Begriff „Kollaboration“ entstehen häufig Bilder wie bei einem Puzzle: Jede*r Beteiligte*r trägt einzelne Bausteine zu einem großen Ganzen bei. Und wenn Menschen „Kommunikation“ als Kompetenz für das 21. Jahrhundert hören, dann denken sie, es gehe darum, ein Smartphone bedienen oder seriöse Quellen von Nonsens unterscheiden zu können.
Dieses Alltagsverständnis ist problematisch, weil es eine pädagogische Perspektive überdeckt. Für eine alternative Interpretation der 4Ks wird im Folgenden der Fokus auf das Individuum und seine Perspektive gelegt.
➁ Die 4Ks und Denken: Was passiert in meinem eigenen Kopf, mit meinem eigenen Denken? Wendet man diese Perspektive auf Kreativität an, dann bedeutet Kreativität nicht, dass ich etwas denken kann, was nie zuvor jemand gedacht hat. Es geht vielmehr darum, dass ich etwas denken kann, was ich selbst zuvor nicht gedacht habe. Das theoretische Gegenteil von Kreativität beim Denken wäre dann, dass ich in meinem Denken nur das mir Bekannte wieder denken kann. Kreativität bedeutet in diesem Sinne also: Neues denken können – sicher nicht neu für die ganze Welt, sondern neu für mich, für meinen Kopf.
Kritisches Denken bedeutet – auf das Individuum bezogen –, dass ich selbst denken kann. Das Gegenteil würde darin liegen, dass ich für mein Denken etwas übernehme, was andere gedacht haben und mir vorgegeben wird. Damit dieses Selbstdenken Substanz hat, braucht es aber mehr als nur eine Idee oder einen Gedanken oder gar ein „gefühltes Wissen“. Kritisches Denken meint vernünftiges, gesteuertes, reflektierendes Denken, bei dem ich selbst logisch und systematisch vorgehe und dabei mit Komplexität umgehen kann.
Kollaboration, also Zusammenarbeit, bedeutet – angewandt auf den eigenen Kopf und das eigene Denken –, dass ich mit anderen gemeinsam denken kann. Das theoretische Gegenteil würde darin bestehen, dass ich nur für mich selbst denke. Es ist zwar für soziale Wesen prinzipiell unmöglich, vollkommen isoliert zu denken. In der Praxis wird allerdings sehr häufig ignoriert, dass Denken immer in Auseinandersetzung mit der Umwelt stattfindet. Und wenn dieses Denken aktiv und bewusst gemeinsam stattfindet, kann man es als Kollaboration beim Denken betrachten.
Ganz eng damit verbunden ist Kommunikation. Es geht darum, das eigene Denken teilen zu können, also das mitteilen zu können, was bei mir selbst, in meinem Kopf passiert – und auch verstehen zu können, was im Kopf von anderen Menschen passiert.
➂ Die 4Ks und Lernen: Für eine nächste Runde wechseln wir die Perspektive, jetzt steht der Begriff „Lernen“ im Vordergrund. Was bedeutet Kreativität, angewandt auf das Lernen? Es geht darum, dass ich etwas für mich Neues lernen und nicht nur das wiedergeben kann, was ich gelernt habe. Es geht darum, dass ich weiter lernen und neu lernen kann, auch wenn die Schule, die Ausbildung, das Studium oder die Weiterbildung vorbei ist.
In Bezug auf das kritische Denken heißt Lernen vor allem, dass ich selbst lernen kann und nicht nur belehrt werde. Es geht um selbstgesteuertes, selbstdiszipliniertes, selbstüberwachtes und selbstkorrigierendes Lernen. Es reicht nicht aus, dass mir etwas beigebracht wird, was ich einfach übernehme. An dieser Stelle sei in Erinnerung gerufen, dass in der ursprünglichen Konzeption von P21 nicht nur „critical thinking“, sondern auch von „problem-solving“ die Rede war. Es geht also auch um die kognitive Bearbeitung von komplexen Aufgaben.
Wenn ich mein Lernen reflektieren und gestalten kann, wenn ich also immer auch das Lernen lerne, dann gehört dazu die Ebene „Kollaboration“: Ich lerne gemeinsam mit anderen. Und wiederum dazu gehört die Fähigkeit der Kommunikation: Ich muss mein Lernen mit anderen teilen, mein Lernen mit-teilen können.
➃ Die 4Ks und Arbeiten: Abschließend möchte ich noch eine Perspektive auf die 4Ks durch die Brille des Arbeitens vorstellen. Die 4Ks sind ursprünglich genau mit diesem Fokus entwickelt worden: Welche Kompetenzen sind im 21. Jahrhundert wichtig, um beim Arbeiten und im sonstigen Leben mit der zunehmenden Komplexität gut umgehen zu können?
Angewandt auf das Arbeiten bedeutet Kreativität, dass ich auch Aufgaben erfolgreich bearbeiten kann, die ich vorher noch nicht kannte. Es braucht für das Arbeiten im 21. Jahrhundert mehr als nur die Qualifikation, bestimmtes Wissen und bestimmte Fähigkeiten anzuwenden. Ich muss mein Können bei der Arbeit auch auf neue Fragestellungen transferieren können. Auch hier gilt wieder: Kreativität und Innovation meinen nicht unbedingt, dass ich etwas arbeite, was die Welt vorher noch nicht gesehen hat, sondern was ich vorher noch nicht gesehen habe.
Auch für das kritische Denken lässt sich die Überlegung von oben auf das Arbeiten anpassen: Wenn ich kritisches Denken beherrsche, dann kann ich nicht nur das nachmachen oder nacharbeiten, was andere mir vormachen oder vorarbeiten. Ich kann selbst arbeiten.
Zum Wesen des Arbeitens im 21. Jahrhundert gehört, dass ich Kollaboration beherrsche, also die Zusammenarbeit mit anderen. Es gibt kaum noch Arbeiten, in denen es nicht auf dieses Zusammenarbeiten ankommt – umso erstaunlicher ist es, dass Kollaboration in der formalen Bildung immer noch nur eine zweitrangige Bedeutung hat.
Kommunikation bedeutet hier, dass ich mein eigenes Arbeiten teilen und anderen mitteilen kann. Das ist natürlich gegenseitig, ich muss also auch das Arbeiten der anderen verstehen können.
Selbstverständlich sind die Perspektiven „Denken“ und „Lernen“ eng miteinander verwoben. Zudem leben wir in einer Zeit, in der auch „Arbeiten“ und „Lernen“ nicht mehr zwei getrennte Welten sind, sondern wir beim Arbeiten immer auch dazulernen und im besten Fall unser Lernen an konkreten Arbeiten anwenden können. Insofern wurden hier zwar unterschiedliche Perspektiven vorgestellt, aber es sind Perspektiven auf immer dieselben 4Ks.
Minerva: Ein K4-basiertes Studium als Beispiel
Eine sehr fein ausdifferenzierte Anwendung der 4Ks findet man in dem Universitätsprogramm Minerva, das in Kalifornien beheimatet ist. Bezeichnenderweise entspringt Minerva nicht etwa den traditionellen Bildungsangeboten, sondern wurde 2012 von dem Tech-Unternehmer Ben Nelson und dem Psychologieprofessor Stephen Kosslyn ins Leben gerufen. Für die 4Ks ist dieses Studium ein bemerkenswertes Beispiel.
Das Programm von Minerva umfasst vier Jahre. Die fachliche Spezialisierung beginnt im zweiten Jahr. Zuvor werden im ersten Studienjahr als allgemeines Fundament („Foundation“) vier sogenannte „Cornerstone courses“ angeboten. Darin werden die 4Ks beziehungsweise 4Cs (die bei Minerva übrigens nicht so genannt werden) explizit eingeführt, zum Beispiel das kritische Denken im Kurs „Formal Analyses“ (siehe unten).
Zur weiteren Konkretisierung und Operationalisierung der 4Ks hat Minerva einen Katalog von „Denkgewohnheiten“ und „Grundkonzepten“. Jedes K ist in mehrere Oberbereiche aufgeteilt, die jeweils Unterbereiche von „Skills and Concepts“ umfassen und die dann noch einmal feiner untergliedert werden. Dieser Katalog wird laufend weiterentwickelt. In seiner 2017 veröffentlichten Fassung umfasste diese Auflistung neun (!) Seiten. – In der 2021 genutzten Fassung wurde der Katalog reduziert. Diese Fassung ist allerdings noch nicht veröffentlicht.
Ein Beispiel: Der erste Oberbereich von „kritisches Denken“ lautet „Prüfung von Behauptungen“. Dazu gehören sechs Unterpunkte; einer lautet: „Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Aussagen“. Und darunter, also auf der vierten Ebene der Gliederung, gibt es in diesem Fall fünf einzelne Punkte, nämlich:
- Evaluate whether hypotheses are based on plausible premises or assumptions.
- Evaluate whether hypotheses lead to testable predictions.
- Identify and analyze pseudoscientific claims.
- Distinguish among scientific hypotheses, theories, facts and laws.
- Evaluate applications of the scientific method.
Wie im oben vorgestellten Rahmenkonzept der „Vier Dimensionen“ werden die 4Ks nicht unabhängig von oder gar als Gegensatz zu fachlichem Wissen, sondern in gegenseitiger Verflechtung gedacht. Auf den Punkt gebracht wird das durch das Zitat eines ehemaligen Studenten, mit dem Minerva auf der eigenen Website wirbt: „The goal of Minerva’s curriculum isn’t memorization or the study of factual information; we study academic content so we can develop. Content is not an end in itself, but a medium through which we learn to develop our minds“ (Tyler Pincus, Class of 2019).
Als konkretes Beispiel führt Minerva an: Im Kurs „Formal Analyses“ wird das Konzept „Induktionslogik“ als Teil des kritischen Denkens vorgestellt. Die Einführung erfolgt anhand des Themas „Klonen“. Anschließend wird es auf die Themen „Künstliche Intelligenz“, „Globale Pandemien“ und die Frage, ob Geld Menschen glücklich macht, angewendet.
Wie weit die Verflechtung der 4Ks (bei Minerva HCs genannt) in das weitere Studium reicht, zeigt die Integration in die schriftlichen Arbeiten der Studierenden, die einen Hauptteil des alltäglichen Studiums ausmachen. (Bei Minerva gibt es keine Vorlesungen.) Die Studierenden müssen in ihren eigenen Arbeiten den Fließtext ständig mit Fußnoten versehen. Dafür wechseln sie auf die Metaebene und setzen die einzelnen Abschnitte ihrer Arbeit mit den HCs in Verbindung, die sie angewandt haben. Dafür muss das jeweilige HC benannt sowie Anwendung und Verknüpfung begründet werden.
Diese Reflexion fließt auch in die Bewertung der studentischen Leistungen ein. Für jedes einzelne HC existiert ein Bewertungsmaßstab mit einschlägigen Kriterien. Auf diese Weise sind die HCs für das gesamte Studium allgegenwärtig und ständig mit der fachlichen Ebene verflochten. Die Regelung bezieht sich nicht etwa auf einzelne Probearbeiten, sondern auf das gesamte Studium.
Der Ansatz von Minerva setzt die 4Ks so konsequent um wie möglicherweise keine andere Bildungsinstitution. Die entsprechenden Skills sind keine Schlagworte, sondern in Unterbereiche und einzelne Punkte operationalisiert. Sie werden in explizit den einzelnen Ks gewidmeten Kursen eingeführt. Daraufhin werden sie im gesamten Studium als Querschnittsfrage mit fachlichem Wissen sowie mit Meta-Lernen verknüpft und sind schließlich auch im Assessment der studentischen Leistungen abgebildet. Im Hinblick auf die 4Ks darf das Minerva-Studium durchaus als bahnbrechend eingestuft werden.
Fazit
Die 4Ks wurden zu Beginn der 2000er-Jahre entwickelt, insbesondere in der Initiative P21 in den USA. Als der Begriff in den 2010er-Jahren im deutschsprachigen Raum Einzug hielt, gingen die konzeptionellen Grundlagen dabei verloren, sodass heute keine gemeinsame Interpretation vorhanden ist. Es existierte vielmehr eine gewisse Beliebigkeit bis hin zu einem banalen Alltagsverständnis, insbesondere der Begriffe „Kreativität“ und „kritisches Denken“. Für eine flächendeckende, möglicherweise sogar strukturell verankerte Etablierung fehlt es an Substanz.
Die Kehrseite der Beliebigkeit der 4Ks ist die Anpassbarkeit an individuelle Umstände und Möglichkeiten. Nicht obwohl, sondern weil der Begriff viel Raum zur Gestaltung bietet, kann er für Diskussionen um Schul- und Unterrichtsentwicklung dienen. Dafür ist jedoch eine eigene Ausdifferenzierung in der Breite und in die Tiefe erforderlich: In der Breite braucht es einen Rahmen, der die 4Ks in ein konzeptionelles Umfeld verortet; in der Tiefe braucht es eine Ausdifferenzierung der Bedeutung, der Anwendung und des Assessments der 4Ks.
Literatur
- Fadel, C./Bialik, M./Trilling, B. (2017): Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen. ZLL21 – der Verlag
- Fullan, M./Scott G. (2014): Education Plus; 6Cs New Pedagogies for Deep Learning initiative (29.06.2021)
- Kosslyn, S. M./Nelson, B./Kerrey, B. (2017): Building the Intentional University: Minerva and the Future of Higher Education. MIT Press.
- Minerva Schools (o.J.): Four-year Curriculum. Minerva Schools at KGI; https://www.minerva.edu/undergraduate/4-year-curriculum/ (19.03.2026)
- Muuß-Merholz, J. (2018): Die 4K-Skills: Was meint Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration, Kommunikation?; https://www.joeran.de/die-4k-skills-was-meint-kreativitaet-kritisches-denken-kollaboration-kommunikation/ (1. Juli 2021)
- Muuß-Merholz, J. (2018): Kreativität, Kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration – Details zu den 4K-Skills; https://www.joeran.de/kreativitaet-kritisches-denken-kommunikation-kollaboration-details-zu-den-4k-skills/ (29.06.2021)
- OECD (2020): OECD Lernkompass 2030. OECD-Projekt Future of Education and Skills 2030. Rahmenkonzept des Lernens; https://www.oecd.org/en/data/tools/oecd-learning-compass-2030.html (19.03.2026)
- P21 (o.J.): Framework for 21st Century Learning (diverse Publikationen; Website nicht mehr online. Einzelne Dokumente sind verfügbar auf: https://battelleforkids.org/networks/p21 (29.06.2021)
- Pfiffner, M./Sterel, S./Hassler, D. (2021): 4K und digitale Kompetenzen: Chancen und Herausforderungen (4K kompakt). Bern, Schweiz: hep verlag.
- Rosa, L. (2020): In aller Kürze: Warum wir eine andere Bildung brauchen und was das bedeutet; https://shiftingschool.wordpress.com/2019/11/25/in-aller-kuerze-warum-wir-eine-andere-bildung-brauchen-und-was-das-bedeutet/ (29.06.2021)
- Rosa, L. (2020): Komplexitätstheorie für Lehrer; https://shiftingschool.wordpress.com/2019/02/22/komplexitaetstheorie-fuer-lehrer/ (29.06.2021)
- Rosa, L. (2018): Kritisch Denken Lernen für Alle – Kern der Literacy von heute und morgen; https://shiftingschool.wordpress.com/2017/02/17/kritisch-denken-lernen-fuer-alle-kern-der-literacy-von-heute-und-morgen/ (29.06.2021)
- Sterel, S./Pfiffner, M./Caduff, C. (2018): Ausbilden nach 4K: Ein Bildungsschritt in die Zukunft. Bern, Schweiz: hep verlag.
Muuß-Merholz, J. (2022). Die 4Ks – Beliebig oder bahnbrechend? Pädagogik (12), S. 9-14.