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Smartphone-Sucht*

Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

Foto: Pascal Fieseler, Agentur J&K

Die Smartphone-Sucht ist eine unmäßige Begierde, seinen eigenen untätigen Geist mit den Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus deren Inhalten vorübergehend zu vergnügen. Man schaut aufs Smartphone, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern, sondern nur um aufs Smartphone zu schauen, man liest das Wahre und Falsche prüfungslos durcheinander, und dies lediglich mit Neugier ohne eigentliche Wissbegier.

Man schaut aufs Smartphone und gefällt sich in diesem behaglichen geschäftigen Geistesmüßiggang wie in einem träumenden Zustande.

Die Zeitverschwendung, die dadurch herbeigeführt wird, ist jedoch nicht der einzige Nachteil, welcher aus der Smartphone-Sucht entsteht. Es wird dadurch das Schauen auf das Smartphone Müßiggang, eine Abspannung der eigenen Seelenkräfte.

Diejenigen welche eine reizbare Einbildungskraft besitzen, und die Zahl dieser dürfte wohl die größte sein, bilden dies Seelenvermögen vermittelst der Smartphone-Sucht zum Schaden der übrigen Gemütskräfte in’s Missgeburtartige aus. Sie gewöhnen sich, alles nur auf die Unterhaltung ihrer Phantasie zu leiten. Sie wollen nur, was diese kitzelt und halten dies für das Wichtigste. Wie viele hat die Smartphone-Sucht verdorben und sie für ihren nachmaligen Stand und Beruf untüchtig gemacht.

[…] den verderblichsten Einfluß hat die Smartphone-Sucht auf die Jugend, teils weil in derselben das unerfahrene Herz am empfänglichsten für Eindrücke jeder Art, teils weil die Einbildungskraft ohnehin das tätigste ihrer Seelenvermögen ist. Wirft dann ein unglücklicher Umstand, Schlechtigkeit der Inhalteausleiher oder -verkäufer, Nichtwachsamkeit der Eltern und Erzieher, einen ans Sittenverderbnis berechneten Inhalt eines Wollüstlings in ihre Hand, wird ihre Einbildungskraft mit unanständigen Vorstellungen mit verschönernden Gemälden viehischer Triebe, mit Verzierungen des Verbrechens vertraut gemacht – wer mag dann noch das schirmlose Herz retten vor der vergifteten Phantasie?

Sind das nicht die geheimen, nur selten mit dem verdienten Fluche genannten Ursachen der verfrühten jugendlichen Reife, der Erfahrenheit in den Lastern der Wollüstlinge und der innersten Ruchlosigkeit bei äußerer scheinbarer Sittlichkeit!


*Dieser Text ist eine Übernahme aus: Universallexikon der Erziehungs- und Unterrichtslehre für Schulaufseher, Geistliche, Lehrer, Erzieher und gebildete Eltern. Von Matthaeus Cornelius Münch, I. B. Heindl, 1859, Band 2, S. 144.

Die Rechtschreibung wurde an aktuelle Standards angepasst, und es wurden Absätze eingefügt.

Die Begriff „Vielleserei“, „Lesesucht“ und „Leseseuche“ wurden durch „Smartphone-Sucht“ ersetzt.
Die Begriffe „Buch“ und „lesen“ wurden durch „Smartphone“ und „aufs Smartphone schauen“ ersetzt. Teilweise wurde „Buch“ oder „Schriften“ durch „Inhalte“ ersetzt.


Dieser Artikel erschien erstmals:
Muuß-Merholz, J. (2023). Smartphone-Sucht. Pädagogik (5), S. 64.
CC-BY_iconDieser Text von Jöran Muuß-Merholz steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. (Diese Lizenz gilt ab 1 Jahr nach der Veröffentlichung in der PÄDAGOGIK.)