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Sollten Kinder in Schulen „arbeiten“?

Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

Foto: Pascal Fieseler, Agentur J&K

Ich arbeite nicht in einer Schule. Ich bin nur gelegentlich dort zu Gast. Man könnte in meinem Fall also sagen: „Ich besuche eine Schule.“ Allerdings verbinden wir die Formulierung vom „SchulBESUCH“ in erster Linie mit den Schüler:innen, die Tag für Tag, Jahr für Jahr in der Schule sind. (Ist es nicht kurios, dass wir dann sagen, dass Kinder und Jugendliche die Schule „besuchen“? Sind sie nur zu Besuch gekommen – und nicht, um zu bleiben? Sollten Schüler:innen nicht vielmehr in der Schule „zuhause“ sein?)

Zurück zum Ausgangspunkt: Ich bin also häufig in Schulen zu Gast. Weil ich Schulpraxis immer nur kurz, dafür aber an verschiedenen Orten erlebt, werde ich manchmal gefragt: „Was macht für Dich eine gute Schule aus, woran erkennst Du die?“ Die seriöse Antwort lautet natürlich: „Ich sollte mich hüten, alleine aufgrund von anekdotischen Momentaufnahmen ein Urteil zu fällen.“ Das wäre an dieser Stelle aber langweilig, daher möchte ich eine Antwort ergänzen, die klein, fein, oberflächlich, subjektiv und unwissenschaftlich ist.

Wir nennen es Arbeit …

Mein Indiz lautet: Es spricht für eine gute Schule, wenn die Schüler:innen häufig mit großer Selbstverständlichkeit von ‚Arbeiten‘ sprechen, wenn es um ihr ‚Lernen‘ geht.

Hier einige Beispiele:

  • Blick über die Schulter eines Schülers: „Was machst Du?“ – „Ich arbeite gerade an …“
  • Lehrerin im Feedbackgespräch: „Arbeite weiter daran, wie …“
  • Einstieg zu einer Präsentation: „Unsere Gruppe hat dazu gearbeitet, wie …“

Für mich steckt in diesem „Arbeiten“ verschiedenes von einer Essenz, die ich nur ungefähr beschreiben kann. Es geht um stärkere Ernsthaftigkeit, um Sinnhaftigkeit, darum, sich „die Dinge zur eigenen Sache zu machen“.

Nur Sachbe-Arbeiter?

Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik, sieht das kritisch. Sie schrieb mir: „Hm, aber ist das nicht auch typisch für unser Land, dass schulische Tätigkeiten immer mit Bearbeitung, Erarbeitung, Arbeitsblatt, ‘Arbeite weiter!’ in Verbindung gebracht werden – anstatt mit Erforschen, Entdecken, Tüfteln, Herumprobieren?“
Da ist was dran. Gerade die Didaktik der „Zettelwirtschaft“, wie der Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde die Fokussierung von Unterricht auf Arbeits(!)blätter genannt hat, ist das Gegenteil von dem, was mir vorschwebt.

Um also meinem eher gefühlten Urteil näher auf den Grund zu gehen, habe ich für mich untersucht, was genau hinter diesem „Arbeiten“ steckt. Ich habe dafür einen PÄDAGOGIK-Artikel genommen, nämlich die Vorstellung der Open-School in Wien (Ausgabe 01/22). In diesem Text habe ich alle Verben angestrichenen, mit denen dort Tätigkeiten der Kinder und Jugendlichen beschrieben werden, die sie beim / zum / als Lernen ausüben Hier ist das Ergebnis:

sich zusammensetzen, besprechen, mitteilen, an etwas arbeiten / weiterarbeiten, sich etwas vorstellen, Einsicht nehmen, dokumentieren, abklären, festlegen, Kontakt aufnehmen, sich mit etwas beschäftigen, ein Interview führen, erzählen, zubereiten, vorschlagen, lesen, formulieren, über die Schulter sehen, Hilfe anbieten, Entwürfe zeigen, um Tipps bitten, sich treffen, ein Projekt beenden, entwickeln, löten, präsentieren, eintragen, Feedback geben, erarbeiten, ausloten, überprüfen, wählen, handeln, beachten, pflücken, sich Zeit nehmen, in die Tiefe gehen, Geräte nutzen, jemanden virtuell dazu holen, in Kontakt treten.

Aus diesen Mosaik-Bausteinen entsteht ein Gesamtbild. Das ist immer noch diffus, aber in ihm diesem Bild wird für mich der Unterschied deutlich, den ich mit „Arbeiten“ als Begriff für das Lernen verbinde. Es geht um Eigenaktivität, Vielfalt, Prozesshaftigkeit und Ergebnisorientierung, Individualisierung und Kooperation, Kreativität, – um „Arbeiten“ eben.

PS: Ein Bild sagt mehr …

Ein anderer Weg, mit dem ich im Wortsinne „zeigen“ kann, was für mich den Unterschied beim „Arbeiten“ ausmacht, zeigt die großartige Fotosammlung „American Education: Images of Teachers and Students in Action“, die offen und frei nicht mehr [aktualisiert am 6.7.2026] im Web verfügbar ist. In diesen Fotos zum Thema „Deeper Learning“ spiegelt sich für mich der Gedanke wider, wie es aussieht, wenn junge Menschen eine Schule nicht nur „besuchen“, um dort „Aufgaben zu bearbeiten“, sondern das Lernen zu ihrer eigenen Sache machen und an diesen Dingen „arbeiten“.


Dieser Artikel erschien erstmals:
Muuß-Merholz, J. (2023). Sollten Kinder in Schulen arbeiten? Pädagogik (2), S. 64
CC-BY_iconDieser Text von Jöran Muuß-Merholz steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. (Diese Lizenz gilt ab 1 Jahr nach der Veröffentlichung in der PÄDAGOGIK.)