Zum Inhalt springen

Der Straßenlampeneffekt der Pädagogik und der Prüfungen

Foto: Pascal Fieseler, Agentur J&K

Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK

Als die Polizistin spät am Abend die Straße patrouillierte, fiel ihr der Betrunkene auf, der um einen Laternenpfahl herum auf dem Fußweg kroch. Auf Nachfrage erklärte der Betrunkene, dass er seine Schlüssel verloren hatte, die er nun suche. Die Polizistin sah sich um, aber auch sie konnte die Schlüssel nicht finden. „Sind Sie sicher, dass Sie die Schlüssel an dieser Stelle verloren haben?“, fragte sie. Der Betrunkene antwortete: „Nein. Das war wohl drüben, auf der dunklen Straßenseite.“ Die Polizistin war verwirrt: „Aber warum suchen Sie dann hier?“ Für den Betrunkenen war die Sache klar: „Drüben ist es zu dunkel, um etwas zu erkennen! Deswegen suche ich hier, unter der Laterne.“

Diese Anekdote, die in verschiedenen Überlieferungen existiert, beschreibt den sogenannten Straßenlampeneffekt. Mit diesem Begriff wird in Debatten um wissenschaftliche Forschung die Tendenz beschrieben, dass Forscher*innen nicht unbedingt die relevantesten Effekte untersuchen, sondern diejenigen Effekte, die gut zu untersuchen sind. Wenn der Gegenstand von Interesse schlecht quantifiziert oder schlecht beobachtet werden kann, zieht man stattdessen solche Daten heran, die einfacher zu messen sind – aber nicht unbedingt das eigentliche Erkenntnisinteresse widerspiegeln.

Wir prüfen das, was gut zu prüfen ist

Auch in unseren Bildungsinstitutionen gibt es eine ähnliche Tendenz. Wir legen in Prüfungen nicht den schärfsten Blick auf diejenigen Kompetenzen, die wir für die relevantesten halten. Wir prüfen diejenigen Kompetenzen, die sich gut prüfen lassen. Das ist der Straßenlampeneffekt der Pädagogik bzw. der Prüfungen. (Mit „Prüfungen“ sind hier alle Arten von Assessments gemeint, von Diagnose bis zu Abschlussarbeiten, von Alltagseinschätzungen bis zu formalen Bewertungen.)

Wir prüfen das, was einfach zu korrigieren ist

Hinzu kommt eine weitere Perspektive: Unsere Prüfungen richten wir auch danach aus, wie gut sie sich korrigieren lassen. Die Relevanz dieser Perspektive wird angesichts der Digitalisierung an Brisanz gewinnen. Denn eine doppelte Verheißung von vielen digitalen Anwendungen für den Bildungsbereich lautet: Die Lernenden erhalten unmittelbares und individuelles Feedback zu ihrer Arbeit, während die Lehrenden von der Bürde aufwändiger Korrekturen und Rückmeldungen entlastet werden. Dahinter steht die Automatisierung der Auswertungen von Prüfungen im oben genannten Sinne. Die Beliebtheit sämtlicher Variationen von Quizaufgaben ist ein Symptom des digitalen Straßenlampeneffekts für Prüfungen. Mit Anwendungen sogenannter künstlicher Intelligenz wird diese Tendenz verstärkt werden.

Mit fortschreitender Digitalisierung werden wir noch stärker in Versuchung sein, diejenigen Kompetenzen in den Mittelpunkt zu stellen, die automatisiert überprüft, ausgewertet, korrigiert und rückgemeldet werden können. Diese Kompetenzen sind nicht deckungsgleich mit solchen, denen wir zentrale Bedeutung für Erfolg in der Ausbildung und im weiterem Leben zuschreiben.

Wir prüfen das, was Maschinen gut können

Ein Zwischenstand für 2022: Der Straßenlampeneffekt für Prüfungen ist schon jetzt ein gravierendes Problem. Er verhindert die Ausweitung der Lernziele auf Kompetenzen, die zwar relevant, aber schlecht zu beobachten und zu messen sind. Die Digitalisierung wird das Problem noch verschärfen. Und dieser Trend vollzieht sich zum denkbar unpassenden Zeitpunkt, nämlich parallel zu Entwicklungen, die nämlich genau das Gegenteil notwendig machen. Mit dem digitalen Wandel gehen neue Anforderungen an Qualifizierung einher. Es verlieren diejenigen Fähigkeiten an Bedeutung, die gut von einem Computer übernommen werden können. Diejenigen Kompetenzen, die eine Maschine nicht ersetzen kann, werden relevanter. Dummerweise sind diejenigen Kompetenzen, die wir gut prüfen können, ziemlich deckungsgleich mit denjenigen, die an Relevanz verlieren. Solche Aufgaben, die wir gut prüfen und korrigieren können, können zunehmend von Computern übernommen werden. Wir müssen stattdessen schon heute mehr Augenmerk auf diejenigen Lernziele legen, die auch angesichts von Automatisierung und künstlicher Intelligenz relevant bleiben.

Wir wissen seit langem, dass die Gestaltung von Prüfungen von grundlegender Bedeutung für die Ausrichtung von Lernprozessen ist In den letzten Jahren hat eine Debatte um neue Formen für Prüfungen an Fahrt aufgenommen. Es ist wichtig, dass wir auch die Inhalte von Prüfungen neu denken – und damit die Inhalte und Ziele des Lernens.


Dieser Artikel erschien erstmals:
Muuß-Merholz, J. (2022). Der Straßenlampeneffekt der Pädagogik. Pädagogik (4), S. 64.

 

CC-BY_iconDieser Text von Jöran Muuß-Merholz steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. (Diese Lizenz gilt ab 1 Jahr nach der Veröffentlichung in der PÄDAGOGIK.)