
Jörans Kolumne aus der PÄDAGOGIK
Es gibt eine stille Revolution, die sich im Fahrwasser der großen Veränderungen der letzten Jahre entwickelt hat. Sie findet wenig Beachtung, weil unsere Aufmerksamkeit auf die großen Schiffe gerichtet war und ist – auf Inklusion, auf Geflüchtete, auf Digitalisierung, auf Corona. Dennoch geht es um eine mächtige Entwicklung, welche Schulen als Organisation und die Professionalität ihres Personals nachhaltig verändert.
Es geht um das Lernen der Lehrenden. Damit meine ich Fort- und Weiterbildung, Personal- und Schulentwicklung, Communities of Practice und lernende Organisationen – viele große Begriffe, und doch bringt keiner den Kern der Sache auf den Punkt.
Man kann nur selbst lernen
In meiner Sprache spreche ich vom „Selbstlernen“ der Lehrenden. Die Grundidee ist einfach: Die Lehrenden als Lernende nehmen ihr eigenes Lernen selbst in die Hand. Meine Freundin, die in Sachen Schule wichtige Vordenkerin Lisa Rosa wirft mir zurecht vor, dass der Begriff „selbst lernen“ Unfug sei. Man kann ja nur selbst lernen – wie denn sonst? Sie hat recht. Und trotzdem hilft mir der Begriff. Denn bisher wurde diese wichtige Wahrheit schlicht ignoriert.
Im traditionellen Schulssystem wurde das Lernen der Lehrenden mehr oder weniger als automatische Konsequenz von Fortbildung, Anweisungen, Programmen oder Richtlinien gedacht. Die Lehrenden waren quasi die passiven Empfänger von solchen Maßnahmen. An entscheidender Stelle stand ein allwissendes System, dass das notwendige Wissen in die Schulen „ausgerollt“ hat. Dieses Vorgehen orientierte sich an einer Schule, die als möglichst stabile Institution erfunden wurde, in der gesichertes Wissen von einer Generation an die nächste übergeben wurde.
Arbeiten im Herausfindemodus
Spätestens im 21. Jahrhundert können Schulen nicht mehr warten, bis eine Generation gesichertes Wissen entwickelt, erprobt, abgesichert und zur Umsetzung in Schulen angepasst hat. Das Gegenteil ist der Fall: Viele große Entwicklungen fordern, dass wir unser praktisches Handeln anpassen, noch während wir gemeinsam herausfinden, wie genau diese Anpassungen gestaltet sein müssen. Wir arbeiten im Herausfindemodus. Damit verbunden ist die Anforderungen, dass die Akteure – als Individuen, als Teams, als Organisation – mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen müssen.
Unter diesen Umständen entsteht ein Lernbedarf, dem wir nicht im traditionellen Modus begegnen können. Der digitale Wandel ist so ein Beispiel. Typische Kennzeichen von einem solchen Lernbedarf sind: 1. Die Sache ist ungeduldig – sie kann nicht warten. 2. Die Sache ist dynamisch – sie entwickelt sich weiter, während wir daran arbeiten. 3. Die Sache ist kompliziert – es gibt keine einfachen Antworten, sondern braucht Ambiguität und Multiperspektivität. 4. Die Sache ist offen – wir lernen kontinuierlich weiter.
Für das professionelle Lernen angesichts dieser vier Anforderungen braucht es neue Formen von Fortbildungen. 1. Fortbildung muss kurzfristig erfolgen. 2. Fortbildung muss flexibel sein. 3. Fortbildung muss das gemeinsame Arbeiten an neuen Antworten beinhalten. 4. Fortbildung muss mit dem Arbeitsalltag verflochten sein.
Die Revolution ist schon da
Die gute Nachricht ist: Es gibt solche Fortbildungsformate bereits. Immer mehr Lehrende, Teams und Kollegien werden selbst aktiv und nehmen ihre Fortbildung in die eigenen Hände. Sie lernen selbst. Die Akteure der Praxis organisieren schulinterne Mikrofortbildungen, versenden im Kollegium kurze Newsletter, veranstalten Barcamps und andere Formen des Peer-to-Peer-Lernens – also des Lernens voneinander und miteinander. Immer mehr Lehrkräfte überwinden dabei die Grenzen ihrer Schule und entwickeln eine öffentliche Kultur des Teilens. Sie teilen eigene Materialien als Open Educational Resources (OER) und eigene Erfahrungen über Blogs und Twitter.
Das mag bisher klein, vereinzelt und unauffällig wirken. Trotzdem hat es das Zeug zur Revolution, die über die Fragen der Digitalisierung hinaus geht. Denn eine Kultur des Selbstlernens hat das Potenzial, dass sie auch auf zukünftige Herausforderungen übertragbar ist, die wir heute kaum kennen. Wenn dann das Selbstlernen in den Schulen selbstverständlich ist, dann werde ich Lisa Rosa Recht geben und anerkennen, dass der Begriff „Selbstlernen“ Unfug ist und nicht mehr benötigt wird, weil es einfach um „Lernen“ geht.
Muuß-Merholz, J. (2022). Die stille Revolution. Pädagogik (8), S. 94.